![]() |
CENTRO STUDI "ERIC SAMS" per la ricerca sul Lied tedesco
Direttore Erik Battaglia |
|
|
Hat
Schumann in seinen Werken Chiffren benutzt?
Neue
Zeitschrift für Musik,
1966; Übersetzung von Jutta Franc
“Eigentümlichkeit
ist ein fast untrüglicher Anhaltspunkt“
Dieser Artikel will zu verstehen geben, dass hinter der Musik von Schumann ein System von stellvertretenden Chiffren liegt. Es ist verständlich, dass jedem Gespräch über Chiffren mit gründlicher Skepsis begegnet wird. In diesem Fall hier ist kein äusserlicher Beweis im hergebrachten Sinn gegeben. Die Frage, die sich im Augenblick ergibt, ist die der Erwägung von Wahrscheinlichkeiten.
Das
Folgende soll dazu dienen, die wichtigsten Überlegungen und
Tatsachen, so, wie sie sich ergaben, und die zu der Auslegung der
beschriebenen und dargestellten Chiffre-Tabellen führten, unter
Beweis zu stellen. Dem Leser ist es anheim gestellt, selbst zu prüfen
und zu urteilen.
Mehr als für jeden anderen Menschen war für Schumann der Begriff von Musik und Wort auf das Tiefste miteinander verbunden. In seiner Behandlung von Namen treffen und vereinigen sich diese beiden besonders offensichtlich. Sein op. 1 basierte offenkundig auf den musikalischen Entsprechungen einer flüchtigen Bekanntschaft: Meta Abegg. „Carnaval" verwendet auf geschickte Weise das musikalische Äquivalent der Stadt Asch, des Geburtsortes von Ernestine von Fricken, mit der er für eine Zeit verlobt war. Op. 6o bringt die traditionelle Huldigung an Bach, in dem er Fugen auf seinen Namen schreibt. In Nr. 41 aus dem „Album für die Jugend" bezeugt er ähnlichen Respekt gegenüber dem dänischen Komponisten Gade. Wir wissen auch, dass Schumann besondere Genugtuung empfand, dass bei Verwendung ineinandergreifender Schlüssel die beiden letzteren Namen durch einen einzigen Ton, dem vier verschiedene Bedeutungen gegeben wurden, dargestellt werden konnten. Wie aus einem Brief ersichtlich ist, den er an Clara Wieck zwei Jahre vor ihrer Heirat schrieb, wissen wir auch, wie er mit Vergnügen feststelle, dass „Ehe" ein höchst musikalisches Wort sei, und das schmückende Motiv der linken Hand in der Klavierbegleitung des Meisterwerkes „Mondnacht" mag in seinem hochzeitlichen Glanz dieser Auffassung manches verdanken. Die Beschaffenheit der Musik gibt genügend Hinweis darauf, dass die Verwendung von Buchstaben ein beinahe so tief empfundenes Teil von Schumanns ausdrucksstarkem Symbolismus war wie die Töne selbst. Aus den zur Verfügung stehenden Dokumenten geht auch hervor, dass Schumanns schöpferischer Geist im wahrsten Sinne wörtlich war. Ich fragte mich also, ob es nicht seltsam ist, dass so ein Mensch Namen transkribierte, zu denen er keine tiefergehende gefühlsmässige Bindung empfinden konnte, aber nicht den Namen, der für ihn mehr als jeder andere in der Welt bedeutete. Es ist wahr, dass jene Namen nur aus musikalischen Buchstaben bestanden, während es in dem Namen Clara nur drei von fünf waren. Aber von allen Geistern in der gesamten Musikgeschichte, war seiner im höchsten Masse der Anpassung an musikalische Anagramme, Rebusse und Mystifikationen aller Art fähig. Selbstverständlich hätte er den Namen von Clara in Musik übertragen können, und dass er es hätte können, gibt eine gute Hypothese dafür, dass er es tat.
Wie, ist leicht zu ersehen. Die musikalischen Buchstaben sind C, A,
A:
Ex. 1
Für
die fehlenden Buchstäben gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Aber
die einfachste Art (und für den Melodiker die einleuchtende und
notwendige) wäre, stufenweise eine weiche kantable Figur zu
schreiben:
Um diese zu finden, würden wir natürlich zuerst die Lieder op. 25 ansehen, die sogenannten „Myrthen", die Schumanns Hochzeitsgeschenk im Jahre 1840 für seine Frau waren.
Eines der bekanntesten dieser Lieder ist „Die Lotosblume". Heines
Gedicht erzählt, wie die sonst so scheue Lotosblume ihre Schönheit in
einem verschwenderischen Augenblick dem Mond enthüllt. Wir hören in
der herrlichen Musik der ersten Seite, wie dieser Gedanke den Geist
des Komponisten. mit einem wohlklingenden Glanz überflutet, in dem
sich die entschleierte Schönheit offenbart; oder in anderen Symbolen:
Ex. 3
Ex. 4
In „Myrthen" ist diese Klangform wohl ein halbes dutzendmal erkennbar, fast immer in Verbindung mit entsprechenden Worten, z. B. in Nr. 11 bei „ihn lieb all so sehr", in Nr. 19 bei „küssest du den Gatten" und in Nr. 20 bei „denk ich an ihn, der weit, weit" — tatsächlich waren die Liebenden zu dieser Zeit getrennt. Es gibt viel ähnliche Beispiele in dem „Liederkreis", op. 24, der zu den frühesten Liedern Schumanns gehört und, wie er ihr sagte, ebenso in 'dem Gedanken an Clara geschrieben wurde. Das beglückendste Beispiel, das zu zitieren wäre, findet man in Nr. 2, dem Lied des ungeduldigen Wartens, wo dieses Motiv in der oben zitierten Tonhöhe in den drei Takten, beginnend mit dem achten Takt vor dem Schluss, in der rechten Hand der Klavierbegleitung C—L—A und in der linken R—A ausspricht. Auch in „Dichterliebe" begegnet man ihm oft, wobei die wohl am bekanntesten Passagen in dem zweiten Lied zu finden sind. Hier sagt der Dichter „wenn du mich liebhast, Kindchen". Trotz mannigfacher Nachforschungen konnte nicht festgestellt werden, welche Frau hier von Heine angesprochen wird. Schumann scheint
Ex. 5
anzusprechen. Es gibt viele ähnliche Beispiele in den Liedern aus dem Jahre 1840. Auch die Klaviermusik ist von diesem Motiv und seinen offensichtlichen Varianten durchdrungen. So taucht es in den „Davidsbündlertänzen" aus dem Jahre 1837 auf (die, wie aus den Briefen hervorgeht, in besonderer Weise Clara gewidmet waren), wird erweitert, verstümmelt und krebsartig verwendet, Stufenartige Melodien sind in der Musik nichts besonders Ungewöhnliches; bei Schumann häufen sie sich. Aber es scheint mehr als ein Zufall zu sein, dass ihre beharrliche und stets vorhandene Gegenwart in einer bestimmbaren Form in Werken zu finden ist, die bekanntermassen mit Clara assoziiert werden; und wenn man weiterhin die Tatsache bedenkt, dass diese Form immer in oder ungefähr auf der gleichen Tonhöhe erscheint, sollte die Folgerung zumindest erlaubt sein, dass sie eine Transkription ihres Namens ist. In mysteriöser Weise sagt nun Schumann in einem Brief an einen Freund aus dem Jahre 1840, dass „Myrthen" tatsächlich einen tieferen Einblick in mein „inneres Musikgetriebe" gewähren würden. Aber nichts könnte wirklich als ein Hinweis auf die Transkription des Namens Clara bezeichnet werden. Es scheint eigentümlich, dass Schumann, der gewöhnlich bereit war, über seine musikalischen Verfahrensweisen zu sprechen, das einzige Mitglied seiner Verschwörung des Schweigens, wenn es so etwas war, gewesen sein sollte. Natürlich haben Liebende Geheimnisse; aber anzunehmen, dass dieses Geheimnis 125 Jahre, also für die Dauer seines Lebens bis 1856 und das ihre bis 1896 und dann noch einmal für weitere 70 Jahre anhalten sollte, hiesse wohl doch, die Wahrscheinlichkeit allzu sehr zu strapazieren. Wenn also tatsächlich eine Transkription vorlag, scheint es so, als ob Schumann sie bewusst verborgen gehalten hat. Wenn dies so ist, hat er vielleicht — da es ja keinen Sinn haben könnte, das Offensichtliche zu verhüllen — die scheinbar zufälligen Assoziationen der Buchstaben L und R von Clara (im obenstehenden Notenbeispiel 2 B und G) mit den ihnen zugeordneten Tönen verhüllen wollen? Und wenn dies so ist — da es keinen Sinn hätte, völlig willkürliche Assoziationen zu verhüllen — waren diese Assoziationen vielleicht nicht willkürlich? Waren diese Buchstaben vielleicht verschlüsselt? Es ist verständlich, dass Schumann nicht wünschte, dass diese Tatsache zu seinen Lebzeiten entdeckt werden würde. In der Zeit der Romantik waren Kompositionen eine Sache der Inspiration; jegliche Andeutung eines Hinzukommens von so prägnanter Intelligenz, wie sie besonders für das Ersinnen einer Verschlüsselung notwendig ist, wäre allgemein verdammt worden. Indem man sich dieses vor Augen hielt, schien es lohnenswert anzunehmen, dass der Name Clara verschlüsselt war; nur um zu sehen, was die Möglichkeiten ergeben würden. Nach einer gewissen Zeit schien ein Muster sich abzuheben, das auf den folgenden Überlegungen beruhte. Die Entsprechungen von A und C sind offensichtlich; B müsste notwendigerweise zwischen ihnen stehen. Das Ergebnis weist auf eine Skala hin, vielleicht eher aus acht als aus sieben Tönen bestehend, da mit einem kleineren Rest acht durch 26 Buchstaben dividiert werden kann. Das hingegen würde eine dreizeilige Anordnung implizieren; das L und R von Clara würde den Tönen B und G entsprechen, aber in den anderen Fällen wäre es angemessener, die alphabetische Reihenfolge vorauszusetzen; und schliesslich, wie aus dem zitierten Beispiel ersichtlich ist, könnte jeder Ton beliebig mit einem Kreuz, Be oder Auflöser versehen werden. Es stellte sich heraus, dass diese Annahmen gerechtfertigt schienen, ausgenommen die erste und offensichtliche; vielleicht liegt darin eine lehrhafte Bedeutung. Das Zwischenergebnis war folgendes:
Ex. 6
Das
sah vielversprechend aus; und tatsächlich waren die ersten
Ergebnisse erfreulich. Claras Mädchenname brachte ein Thema zutage,
das aus „Carnaval", den „Fantasiestücken", Nr. 8, „Kreisleriana", Nr. 2, den „Bunten Blättern", Nr. 13 und dem Klavierquartett op. 47 gut bekannt ist. Und noch besser: Das Wort Robert konnte als ein Arpeggiothema transkribiert werden, das so geschickt in kraftvollem Gegensatz zu dem sanfte ren Bogen von Clara stand. So kann man also (His = C) erkennen, das (mit beneidenswerter „Sangfroid") ein Selbstportrait des „Er, der Herrlichste von allen" sein könnte oder das Thema des männlichen „Talismane", das Lied, das in op. 25 der „Lotosblume" folgt.
Ex. 8
Und
doch ist dieses Arpeggio eine alltägliche Form des Ausdruckes in der
Musik, mit Tönen, die keine besondere Nebenbedeutung oder gar einen
Sinn haben. Im Finale der „Rheinischen Symphonie" bricht z. B. an
einer Stelle das gleiche Thema in den Trompeten und Hörnern hervor;
und vielen Musikern wäre es gewiss nicht recht, wenn dieser sonore
Blechbläserklang in das Geklingel eines Symbols verwandelt werden
würde. Wie aus einem Mitgefühl heraus, schien die Chiffre von diesem
Moment an ihren Dienst zu verweigern. Keine andere melodische Linie
ergab irgendwie Buchstaben, die sinnvoll waren; und umgekehrt waren
die Chiffreentsprechungen verschiedener anderer Worte, die versucht
wurden, nur dadurch bemerkenswert, dass es hoffnungslos war, sie auf
Schumann anzuwenden, obgleich sie manchmal bemerkenswerte Hinweise
auf die Werke späterer Komponisten gaben. Es gab keinen sichtlichen
Fehler in den Überlegungen; und doch war der Weg, klar und gut
markiert, plötzlich zu einer offensichtlich unwegsamen Spur verengt.
Auf der anderen Seite sah es wiederum nicht wie eine falsche Spur
aus; tatsächlich schien es, als ob das Ziel nur ausser Sicht oder
Hörweite wäre.
In
dieser Situation nahm ich wieder einen interessanten Artikel aus „The
Musical Times" vom August 1964 vor — hauptsächlich über „Davidsbündlertänze"
—, um zu sehen, ob da eine Richtung vorgeschlagen werden würde. Ich
las noch einmal den Absatz über das wiederkehrende Motiv in diesen
Stücken (das in den verschiedensten Variationen dem oben
aufgezeigten Clara-Motiv entspricht) und seiner vermeintlichen
Quelle, dem „Ballet des Revenants" aus Claras eigenem op. 5, der
erste Band ihrer „Soirées musicales". Es schien mir auf den ersten
Blick hin unwahrscheinlich, dass Schumann jemals bedeutsames
musikalisches Material von Clara geborgt hätte; in der Tat gibt ihre
Musik Anlass zu dem Verdacht, dass der Vorgang eher umgekehrt war.
Diese gegenwärtige Hypothese erforderte anzunehmen, dass er von dem
Thema in Claras Werk wusste; und zwar aus dem einfachen Grund, weil
er es dort selbst hingetan hatte. Aber warum sollte er das gemacht
haben? Hier ist das Thema, wie in dem Artikel zitiert - nur dass man,
wenn man ihm die zweifache Bedeutung von Musik und Buchstaben gibt,
die Töne nennen und dann die Namen feststellen kann.
Ein
sichtbares Zeichen und Symbol Schumanns in der zweifachen Erscheinung
des F für Florestan und des E für Eusebius, zärtlich neben Clara, in
der alleinigen Gestalt, die er für sie geschaffen hatte. Der Effekt
des Palindroms ist einnehmend; in der Tat ein „Ballet des Revenants".
Aber das entstandene Modell von FE CLARA schien so eindeutig gewollt
und bedeutungsvoll, dass es sehr gut das verschleierte Geheimnis sein
könnte; das verborgene Herz im Lobgesang für Clara. Und so erwies es
sich. Wenn man einmal den Gedanken zulässt, dass nichts zwischen E
für Eusebius und C für Clara kommen darf, folgt daraus, dass der
Buchstabe D von seinem Platz auf der obersten Zeile der
Zifferntabelle entfernt und anderswo platziert werden muss. Dieser
Vorgang und seine Motivation erscheinen so einfach und seltsam (und
vielleicht auf ihre Weise so bewegend) wie ähnliche Sinnbilder, die
Schumann mit rein musikalischen Mitteln ausdrückte; und sollte dies
weit hergeholt erscheinen, war es doch nicht weiter hergeholt, als
die notwendige Entfernung war, die Schumanns wunderbaren Geist von
der Realität des Alltags trennte.
Dieser Wechsel in der Position des Clara-Motivs in der Chiffre war
der weitere Anhaltspunkt, der für die Konstruktion einer
vollständigen Tabelle notwendig war. Diese Tabelle wird hier gleich
in der als endgültig angesehenen Form, die Zwischenstufen
weglassend, wiedergegeben.
Ex.10
(Vermerk: Q steht für CH, X für SCH; TS wird anstatt Z verwendet, F
für PH und T für TH.)
Der Besitz dieses Schlüssels, so aufregend er dünkte, enttäuschte jedoch zu Anfang, denn die Wahrscheinlichkeit, dass er jemals das Geheimnis preisgeben würde, erschien in weiter Ferne zu liegen. Offensichtlich könnte ja jeder Buchstabe in drei verschiedenen Tonhöhen verschlüsselt sein und jede Note als drei verschiedene Buchstaben. Schlimmer noch, dieses System enthielt auch noch weitere Quellen der Zweideutigkeit. Erstens, bedeutet die Tatsache, dass eine Note verdoppelt ist, dass diese Note in Buchstaben sechs Entsprechungen hat; zweitens, dass alle abgewandelten Noten zweideutig sind (so kann also Es entweder ENV oder als Dis CMU sein); und wenn diese zwei Doppelsinnigkeiten in Verbindung gebracht werden, bedeutet das, dass die beiden an das jeweilige Ende angrenzenden Noten (d. h. in der obenstehenden Tabelle Fis/Ges und Gis/As) nicht weniger als je neun mögliche Entsprechungen haben. Schliesslich (und sehr wichtig) besteht theoretisch kein Grund, weshalb die angewandte Skala nicht auf jedem anderen Ton beginnen oder enden könnte, und somit jede Änderung der Chiffren-Skala den gesamten Vorgang der Entschlüsselung aus der Bahn werfen würde. Es schien, als ob das Ergebnis eine komplizierte Variable war, so unbegrenzt in ihren Funktionen, dass eine Analyse sich als unmöglich erweisen würde, und jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Worten als zufällig abgeschrieben werden könnte. Ähnliche Gedanken müssen auch Schumann selbst gekommen sein, als er eine Chiffren-Tabelle dieser Art ausarbeitete; und ebenso jedem, der diesen Artikel liest. Natürlich gab es Gegenargumente. Erstens, schliesst die notwendige wechselseitige Beziehung von Vokalen zu Konsonanten eine gewisse Reihe von alternativen Möglichkeiten aus; zweitens, könnte es sein, dass die Chiffren-Skala, d. h. der Ton, auf dem die musikalische Skala in jedem Fall beginnt, aus anderen Evidenzen abzuleiten sei, wie es die Tonhöhe des bereits beschriebenen Clara-Motivs zeigt. Aber offensichtlich gibt es doch nur einen praktischen Test für einen Schlüssel: die Frage war, in welchem der unzähligen Schlüssellöcher man ihn ausprobieren sollte. Hier half mir meine Überzeugung, die allen Bewunderern von Schumann bekannt ist, nämlich die Eigentümlichkeit seiner Musik; das vermittelte Gefühl der Gegenwart des Geheimnisvollen, latent und offenkundig. Vielleicht war das Rätsel um Claras Namen nur ein besonderer Aspekt dieser generellen Beschaffenheit. Das Bestehen einer Chiffre könnte tatsächlich den Effekt haben, dass der Sinn der Musik durch das beobachtende Element verdrängt werden würde. Die Instrumentalmusik schien keinen festen Ausgangspunkt der Beurteilung anzubieten. Aber die Lieder boten durch die Bedeutung der Worte ein objektives Kriterium und dieses könnte mit dem expressiven Inhalt der Musik verglichen werden. Dies schien sofort auf einige Heine-Lieder hinzudeuten, in denen die beiden oft freimütig im Gegensatz zueinander standen. Schumanns literarisches Einfühlungsvermögen war viel weniger bemerkenswert als gemeinhin angenommen wird. Aber so ahnungslos konnte er nun doch nicht gegenüber der einfachen Bedeutung der Worte gewesen sein, wie manche dieser Fassungen zu verstehen geben. Es scheint etwas Verkrampftes in der Art zu liegen, wie die Worte gezwungen werden, Emotionen auszudrücken, die ihnen offensichtlich nicht entsprechen und die sehr stark auf einen unterschwelligen persönlichen und fast aussermusikalischen Inhalt hinweisen. Es gibt in dem musikalischen Aufbau gewisse Elemente, die diesen Eindruck sehr verstärken. Man entschloss sich, bei der „Dichterliebe" diesen Test anzuwenden. Von diesen Liedern war wohl das verwirrendste „Und wüssten's die Blumen". In dem Gedicht werden Blumen, Nachtigallen und Sterne als Tröster im Kummer dargestellt. Zuerst flattert und flimmert die herrliche Musik angemessen in Zweiunddreissigsteln über der eigentlichen moll-melancholischen Stimmung, indem sie Poesie und musikalischen Bildern vollkommen entspricht und so Heines gekünstelte und elegante, aber trotzdem wahre Verzweiflung wiedergibt. Dann erhält das Gedicht eine eisige Wirklichkeit und endet mit einem trostlosen Aufschrei über verlorene Liebe. Schumanns Musik wandelt sich auch, aber im umgekehrten Sinn. Die Dur-Terz und der Dominantseptakkord geben hier einen ihm gemässen wärmeren Ausdruck wieder, und wie die Verbindung abgebrochen wird, lässt der mächtige Strom des Liedes nach und verebbt. Die dann folgende Basslinie, die den Gedanken weiterführt, ist niemals sehr stark und an manchen Stellen merkwürdig kraftlos. Im Nachspiel wird der Gedanke wieder abgeändert, und zwar diesmal zu einem melodramatischen Ausbruch in der Art wie in „Kreisleriana”, Nr. 1, und auch dieser erscheint künstlich und sichtlich. unmotiviert. Hier musste man also auf die letzte Seite schauen, die mit dem sehr eigentümlichen Cis beginnt, und dann die Linie weiter verfolgen. Gemäss der Tonhöhe des Clara-Motivs in „zerrissen mir das Herz", transponierte ich zuerst um einen Ton höher. Dann wurde die entsprechende Entschlüsselung nach der Tabelle in Bsp. 10 vorgenommen und nach sprachlichen Wahrscheinlichkeiten ausgewertet. Es schien so, als ob mit gewisser Nachsicht die Chiffre schon dazu angehalten werden konnte, ganze Sätze, wenn auch in zögernder und gespreizter Weise, zu sprechen. Zu meiner grössten Freude schien diese zu sagen:
Ex. 11a
Ex. 11b
Danach wäre es hartherzig gewesen, sich zu beschweren, dass dort, wo die melodische Linie von der Tiefe in die Höhe durch das Prisma des Clara Motivs verläuft, sie für einen Moment verloren geht, und auch das Chiffreverfahren bei zwei Buchstaben — das zu erwartende „n" und „e", um „meine" zu vervollständigen — abbricht. Aber es schien bedauerlich, dass Schumann, der doch dieses Wort durch einen Ton hätte ergänzen können, in seinem Umdeutungsakkord nicht diesen einen dienlichen Ton hinzugefügt hatte. Und seltsamerweise geht aus dem Manuskript hervor, dass er bei einem früheren Versuch gerade mit dieser Passage — die einzige, die ihm Schwierigkeiten verursacht hatte — dies getan hatte.
Wenn dies ein Spiel war, so war es alles in allem ein höchst
ergötzliches. Die Ungeduld weiterzuspielen wie auch mehr
musikalische Erwägungen bestimmten als nächste Auswahl das
unmittelbar folgende Lied in „Dichterliebe". Dies ist das
meisterhafte „Das ist ein Flöten und Geigen", ein Lied qualvoller
Eifersucht, in dem das Clara-Motiv sich, in herber Parodie der
Hochzeitsmusik für die Vermählung der Geliebten an einen anderen,
mit grausamem Spott durch die rechte Hand schlängelt. Hier waren die
rätselhaften Aspekte die Akzente in der begleitenden linken Hand. Sie
stehen in merkwürdiger Beziehung zu den Worten der ersten Strophe; in
der zweiten sind sie bizarr. Sollte man annehmen, dass sie dort
waren, um nicht den Schlag, sondern die Chiffre hervorzuheben?
Dieser Gedanke erschien absurd. Aber ein Versuch würde ja nicht
schaden, und wieder schien er Erfolg zu haben. Um zu zeigen, wie er
sich anliess, wird diesmal ein Ausschnitt des Resultats, mit den
vorgeschlagenen Buchstaben der Chiffre unterstrichen, detailliert
wiedergegeben. Der Notentext entstammt der Erstausgabe, und die
akzentuierten Töne wurden in ihrer Reihenfolge verwendet. Die
beiden ersten tauchen in der Gesangstimme auf, die restlichen in. der
Begleitung. Da kein anderes Beweismaterial zur Verfügung stand,
bediente man sich wieder des Vorbildes des Clara Motivs, G-G (Bsp.
10).
Ex. 12
Dies schien wieder ein ungewohnter Ausdruck zu sein, aber
notwendigerweise nicht unverbürgt; tatsächlich klang er sehr nach
Schumann. Und der Gedanke war spassig, dass seine oft
unverständlichen Akzente dazu ersonnen worden waren, die Stelle zu
markieren, wo er seine Chiffren versteckt hatte; wie ein Hund seinen
Knochen versteckt. Das Herz öffnete sich allen Pianisten und
Herausgebern, deren Verderben sie über die Jahre gewesen waren.
Nun
galt es nur noch eine Art musikalischer Seltsamkeit als Zeichen
verborgener Chiffren zu prüfen, nämlich den Kunstgriff des
Überschreibens. Die „Davidsbündlertänze", die schon einmal die Quelle
für einen Hinweis gewesen waren und in denen das Clara-Motiv
besonders oft erklang, waren das geeignete Material. Nach Schumanns
eigener Schilderung hört man in der linken Hand des letzten Stückes
die mitternächtlichen Glockenschläge, die das Ende der musikalisch
erdachten abendlichen Festlichkeiten ankündigen. In der Erstausgabe
trägt die erste Seite die merkwürdige Anmerkung: „Ganz zum Überfluss
meinte Eusebius noch folgendes; dabei sprach aber viel Seligkeit aus
seinen Augen." Warum hatte er das gesagt? Was bedeutete es? Man
verfolgte die Tonhöhe des Clara :Motivs in der unteren Stimme und
innerhalb des Doppelstriches wurde die Melodie eine Terz höher
abgelesen. Das ergab eine Phrase, die folgendermassen begann:
Ex. 13
In dieser ersonnenen Stille sollten die zwölf tiefen C's in der linken Hand, die die Mitternacht ankündigen, natürlich bedeuten, dass es für Clara Zeit war, schlafen zu gehen, und ihr eigenes schlichtes Thema, mit dem das Werk beginnt, verabschiedet sich prompt. Es bestand die, wenngleich auch phantastische Versuchung, diese Bedeutung in den warmen Klang des tieferen Pianoregisters und in den weissen C-Dur-Akkord, in welchem das gegebene Thema sich schliesslich behaglich niederlässt, hineinzulesen. Zum mindesten hätte es phantastisch sein sollen. Aber dann sagte der letzte Akkord C—E—C, wenn er in die Clara-Chiffre (Beispiel 10) übersetzt wurde, deutlich „Bett". Das schien zu schön, um wahr zu sein. Der Zufall hatte einen langen Arm, und der Gedanke an die unheilbaren Torheiten, die über das Thema Chiffre ausgesprochen und niedergeschrieben worden waren, brachten das Blut zum Erstarren. Rückversicherung war von Nöten. Ich wagte es, diese Ansichten bei einigen Freunden anzubringen; alle waren freundlich, viele voll herzlicher Sympathie. Einer bot einen praktischen Vorschlag an: warum nicht einen Versuch mit den „Papillons" machen? Schumann hat selbst gesagt, dass diese Stücke, von dem Roman seines Lieblingsautors Jean-Paul Richter, „Die Flegeljahre", inspiriert, und, wie aus Bezifferungen und Unterstreichungen in seinem eigenen Exemplar ersichtlich ist, bekannte Zusammenhänge zwischen Musik und Text aufzeigen. Diese Tatsachen werden ausführlich in dem Essay von Kathleen Dale über Klaviermusik behandelt. (Bei Schumann: A Symposium, ed. G. Abraham; Oxford 1952.) Einige feststellbare Hinweise in den Chiffren zu dem Text von Jean-Paul könnten also, wenn auch nicht von aussen kommender Beweis im hergebrachten Sinn, doch wenigstens eine objektive Korrelation sein, die ebenso dienlich wäre.
Ich
hatte die „Papillons" als eine auf den ersten Blick hin
unwahrscheinliche Quelle für ClaraChiffren unbelästigt gelassen.
Denn zum grössten Teil wurden sie geschrieben, als sie noch ein Kind
war — wenn auch zugegebenermassen eines, das Schumann sehr gern
hatte, aber auch eines, für das er nicht so bald beginnen würde,
seine Melodien zu einem Liebesband zu knüpfen. Aber es war ja kein
Schade, wenn man sie sich einmal daraufhin ansehen würde. Es war so
vergnüglich, mit dem Chiffre-Netz die raschesten Bewegungen aller
„Papillons", derer in Nr. 9, mit prestissimo angegeben, zu verfolgen.
Dies bezieht sich auf eine Passage, deren Worte „so mache nur
schnell" in Schumanns eigenem Exemplar unterstrichen sind. Ich
spielte mit diesen Worten, wenn auch zugegebenermassen mit halbem
Herzen, um zu sehen, ob sie aus der Chiffre auftauchen würden, und zu
meiner Verblüffung taten sie es fast. Man musste nur den Chiffre-Satz
von der Skala G—G (obenstehendes Bsp. 10) in die Skala C—C
(entsprechend zu dem Cis-Des und C als tonale Mitte der Nummern 3, 9
und 10) verändern:
Das
scheint so klar zu sein, dass wir die Ableitung von dem, was
tatsächlich passiert war, noch nachträglich anbieten könnten.
Schumann könnte mit „so" begonnen haben, das die oben gezeigte
aufsteigende Quarte ergibt. Dann verschlüsselte er das Wort „mache",
in der vollen Absicht, das Resultat irgendwie in den ersten
vollständigen Takt einzubauen, um dann festzustellen, dass es nur
eine einfache Quinte ergab (C—G), die auch mit zusätzlichen
Vorzeichen seinem Zwecke sich widersetzen würde. So mag er
weitergegangen sein, um zu sehen, was weitere Verschlüsselungen
einbringen würden, mag sogar Musik geschrieben haben, die auf dem
Resultat basierte, um dann zum Schluss den ersten Takt auf Grund des
Restes der kompletten Phrase einzuschieben. Die tatsächlichen Ergebnisse der Entschlüsselung schienen jedoch im Moment mehr Probleme aufgeworfen zu haben, anstatt sie zu lösen. Aber auch hierfür gab es eine einfache Antwort. Wenn man annahm, dass diese Chiffre nicht für Clara bestimmt war, es aber trotzdem eine Chiffre war, konnte es nur seine eigene sein. Wenn man es recht bedachte, hätte er natürlich immer eine aus seinen frühesten Kompositionen gehabt haben können, und, als er sich in Clara verliebte, es in eine liebliche Melodie und ein hübsches Gleichnis zu Ehren ihres Namens verändert haben können. Mit ein wenig Glück hätte er nur die obere Zeile verändern müssen, und wieder mit ein wenig Glück, hätte diese Abänderung die Entschlüsselung der ausgewählten „Papillons" nicht betroffen. Und es war auch nicht schwer zu folgern, wie wohl in diesem Fall das Original der oberen Zeile gelautet hätte; wie anders als A B C D E F GH? Entsprechend wurde dies mit der nächsten zitierten Passage von Jean-Paul, die zu „Papillon Nr. 6" in Beziehung steht, ausprobiert.
Der
Text ist bezeichnenderweise gezwungen und beschwörend. Er handelt von
zwei Arten Walzer zu tanzen. Ihren beruflichen Neigungen
entsprechend, wird die eines Fuhrmanns waagerecht und die des
Bergmanns senkrecht beschrieben. Der betreffende deutsche Text heisst
an dieser Stelle folgendermassen: „... teils wagrechte des Fuhr-,
teils senkrechte des Bergmanns ..." Ohne Zweifel haben Ausleger zu
Beginn der Melodie eine musikalische Beschreibung der horizontalen
Bewegung zurecht gefunden. Wenn man wieder der Haupttonart des
Stückes auf der Skala D—D folgt, ergibt die neue Chiffren-Tabelle
möglicherweise einen anderen versteckten Gedanken:
Der
Gedanke der vertikalen Bewegung wurde wieder in den konvergierenden
Akkorden des nächsten konstrastierenden Abschnittes erkannt; wieder
nach der Chiffren-Tabelle:
Dann gab es das Mittel der Überschreibung; hic jacet. Wieder bedeutet
der Gedanke an die Eigentümlichkeit, wo man nachzuschauen hätte.
Zwei Namen in „Carnaval" sind Namen von Musikern. Diese Stücke machen
anfänglich keinen Gebrauch von der AS C H - Sphinx. Wir werden sehen,
ob sie von anderen Sphinxen Gebrauch machen. Zu der Zeit, als op. 9
entstand, war Schumann mit Clara verlobt; man könnte also erwarten,
ihre Chiffre zu finden. Wie man es mit Chopin versuchte, mit A (b),
war es interessant, aber kaum überzeugend. Bei
Paganini,
mit
F (moll),
ergab es:
Ein
anderes Mittel war, die Stellen tatsächlich mit Akzenten zu
markieren. Zu diesem Zweck würde man idealerweise die Erstausgaben
oder sogar die Manuskripte benötigen. Jedoch könnte man sich Schumann
in einem Zustand so hilfloser Stumpfheit vorstellen, dass er dieses
Mittel in Verbindung mit dem zweiten anwenden, und den Titel
tatsächlich in seiner offensichtlichen Weise ausbuchstabieren
würde. Das würde auf die späteren Jahre hinweisen. Z. B. fängt die
Ouvertüre zu „Julius Cäsar" aus dem Jahre 1851, mit A (b),
folgendermassen an:
Und
in einer anderen Ouvertüre, „Hermann und Dorothea", aus demselben
Jahr, scheint die Anwendung noch weitergeführt worden zu sein.
So
mutet es an, als ob in der Erstausgabe (1857) der vom Komponisten
selbst eingerichteten zweihändigen Ausgabe das männliche Thema — nur
die akzentuierten Töne im Violinschlüssel wurden benutzt, in F—F (#)
— aussagen wolle, es sei:
sei.
Der
Versuch, das Beweismaterial zu verbergen, ist einer der
faszinierendsten Quellen für Hinweise. Es ist oft bemerkt worden,
dass spätere Ausgaben, aber auch die schon zu Schumanns Lebzeiten
herausgegebenen, dahin tendieren, die spitzfindigen Kommentare und
Überschriften der ersten wegzulassen. Die Änderung wurde gewöhnlich
damit erklärt, dass sie ein Ergebnis der Entwicklung . wären, und
ganz gewiss waren sie das auch. Aber der wahre Grund hätte eher
zunehmende Vorsicht gewesen sein können. Ein Beispiel wird in dem
Intermezzo der „Novelette", op. 21 Nr. 3, gegeben, das ursprünglich
im Jahre 1838 getrennt veröffentlicht wurde und ein Zitat aus
„Macbeth" enthielt.
„Macbeth"
ergibt auf
der
Grundskala zwei
Möglichkeiten,
nämlich:
Jede ist ohne weiteres als die Quelle für motivisches Material zu
erkennen.
Schliesslich sei noch ein Beispiel gegeben, wie dieser Vorgang
möglicherweise umgekehrt funktioniert haben könnte. „Album für die
Jugend" enthält das bekannte und reizende „Erinnerung", das 1848
geschrieben wurde. Zu dieser Zeit hatte Schumann die meisten seiner
vertraulichen Mitteilungen zurückgezogen, und auch diese enthält er
vor. Sein eigener Text sagt nicht, im Gedenken an wen oder woran
dieses Stück geschrieben wurde. Jedoch teilt uns die
Clara-Schumann-Ausgabe verbindlich mit, dass es zum Andenken an
Mendelssohns Tod komponiert wurde. Könnte aber Schumann nicht daran
gedacht haben, seinen Namen in liebevoller Erinnerung in die Musik
einzuzeichnen?
Auf
der
Tonika (A—A)
können wir ablesen:
Ex. 22
Wenn
es das war, was Schumann tatsächlich im Sinn hatte, dann wäre nichts
geeigneter gewesen als diese süsse Klage, ganz dem Andenken an den
toten Freund angepasst. Die ausgeführte fallende Quinte und die
sanfte hinuntergleitende Melodie scheinen in jeder Hinsicht den Namen
Mendelssohns zu tragen. Nur das eine Beispiel würde suggestiv und ungewöhnlich erscheinen. Aber wenn man die schon erwähnten anderen Dutzend hinzufügt (und viele Dutzend mehr, für die hier kein Platz ist), dann scheint eine besondere Erklärung doch geboten. Zufall mag die eine sein, eine andere die, dass eine musikalische Chiffre entschlüsselt wurde und Wortinhalte zutage kommen. Um des Argumentes willen wollen wir das letztere annehmen und erwarten Fragen über das Wo, Wann, Warum und Wie. Die wahrscheinliche Quelle für die Idee ist evident; Schumanns Vater war immerhin Buchhändler und Verleger. Die Suche nach dem in Frage kommenden Buch deckte auf, was sehr gut das tatsächliche Buch gewesen sein kann. Denn Johann Klübers „Kryptographik" aus dem Jahre 1809 enthielt sowohl eine Beschreibung einer musikalischen Chiffre als auch eine dreizeilige alphabetische Anordnung. Ihre Anwendungen, als ein Zusatz zur Komposition, mögen als jungenhafte Täuschung begonnen haben und dann, auf Grund von Schumanns bekanntem Temperament und Charakter, eine Angewohnheit geworden sein. Es gibt Hinweise dafür, dass Schumann sie sein ganzes Leben hindurch angewandt hat. Ihre praktischen Vorzüge wären in seinen zahlreichen und schweren depressiven Phasen besonders einleuchtend gewesen. Wenn die Musik aufhörte herauszuströmen, konnte sie in Chiffre gesetzt werden. Dann gab es noch den weiteren praktischen Zweck, dass dieses Mittel nicht nur musikalisches Material eintrug, sondern auch eine musikalische Form und Struktur, die auf ihre Weise ganz und gar originell waren und bleiben.
Natürlich würde die Anwendung einer Chiffre im Laufe der Jahre
wechseln. Es würde nicht nur eine Frage sein, mit einer einfachen
Grundformel zu beginnen, die man Claras Namen anpasst, usw.; mit
zunehmender Geschicklichkeit in der Manipulation würden neue
Konventionen und Techniken hinzukommen. Und diese würden wieder zu
den ohnehin schon beachtlichen Schwierigkeiten eines
Entschlüsselungssystems beisteuern, das ja in keinem Fall als ein
Mittel der Kommunikation gedacht wäre. Eine der Hauptschwierigkeiten
wäre die Herausgabe der verschiedenen Texte. Warum Schumann seine
Chiffren mit Akzenten versehen haben sollte, wenn er das tat, wird
höchstwahrscheinlich eine Sache der Vermutung bleiben. Tagebücher
werden gewöhnlich in Chiffren geführt, und ganz gewiss war sein Werk
in hohem Masse persönlich. Auch sind seine Akzente besonders in den
Erstausgaben so merkwürdig, dass man sie eher als Kryptographik als
anstatt der Musik zugehörig erklärbar findet. Ausführende werden oft
durch sie verwirrt; Herausgeber, von Clara Schumann angefangen,
ändern und verschieben sie bekanntermassen. So wird eine
vollständige Lösung der Chiffre weder leicht noch schnell
durchführbar sein — wenn es überhaupt jetzt noch möglich ist.
Natürlich würde die Existenz einer Chiffre weder dem musikalischen
Wert von Schumanns Werk etwas hinzufügen noch es schmälern. Aber im
Laufe der Zeit könnte sie' eine unvergleichliche Hilfe für die
Interpretation und das Verständnis darstellen.
|